Field Notes 4. — Das Fröis Wappen
Eine Studie über Familie, Ort und überlieferte Symbole
Es gibt Objekte, die einen neugierig darauf machen, woher sie stammen.
Für mich war es eine alte Familienchronik: Die Chronik der Sippe Fröis, die die Geschichte der Familie von ihren Ursprüngen in Bezau im Bregenzerwald bis nach Krippau bei Großreifling zwischen 1870 und 2012 dokumentiert.
Im Zentrum des Buches steht ein Wappen.
Ein Einhorn, ein Helm, kunstvolles Blattwerk und ein Schild in gedämpften Erdtönen. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein vergleichsweise junges Familienemblem. Doch bei genauerem Hinsehen führt die Geschichte viel weiter zurück.
Dem Namen rückwärts folgen
Der älteste heraldische Hinweis, den ich bisher gefunden habe, stammt aus dem Jahr 1400.
Die Fischnaler Wappenkartei der Tiroler Landesmuseen verzeichnet Fröis, Bregenzerwald (1400).

Dieses Datum ist besonders interessant, da es mit Wilhelm von Fröwis zusammenfällt, der um 1400 als Landammann des Bregenzerwaldes tätig war. Historische Quellen bringen ihn außerdem mit Besitz in der Region sowie mit jener Familie Fröwis in Verbindung, die später mit Feldkirch verbunden war.
Der Name selbst erscheint in verschiedenen historischen Schreibweisen – Fröis, Fröwis, Frewiss, Freuwiss – was bei der Nachverfolgung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Familienaufzeichnungen nicht ungewöhnlich ist.
Der heraldische Eintrag bildet für mich daher einen Ausgangspunkt und keine abgeschlossene Antwort.


Das Einhorn
Das auffälligste Element des späteren Wappens ist das Einhorn.
Es erscheint zweimal: einmal als Hauptfigur auf dem Schild und ein weiteres Mal über dem Helm als Helmzier.
In der europäischen Heraldik wird das Einhorn traditionell mit Stärke, Reinheit, Unabhängigkeit und einer ungezähmten Natur in Verbindung gebracht. Es ist kein Tier, das sich leicht unterordnet; seine Symbolik steht für etwas, das sich nur schwer einfangen oder kontrollieren lässt.
Ob diese Bedeutungen von der Familie Fröis tatsächlich beabsichtigt waren, lässt sich ohne eine zeitgenössische Erklärung nicht feststellen. Deshalb verstehe ich diese Symbolik eher als Interpretation und nicht als historische Tatsache.
Dennoch ist die Wahl faszinierend.
Ein Einhorn ist eine ungewöhnliche Figur für eine Familie, die mit dem Bregenzerwald verbunden ist – einer Landschaft, die von Bergen, Wäldern, Abgeschiedenheit und starken lokalen Gemeinschaften geprägt ist.

Der Schild
Der Schild ist in einem erdigen Olivgold- bzw. Ockerton gehalten und trägt das helle Einhorn.
Die Farben der überlieferten historischen Darstellungen müssen dabei mit Vorsicht betrachtet werden. Heraldische Farbangaben und spätere farbige Reproduktionen stimmen nicht zwangsläufig überein, und auch die Familienchronik selbst ist eine deutlich spätere Darstellung.
Was mich mehr interessiert, als jeder Farbe eine feste Bedeutung zuzuschreiben, ist die übergeordnete Bildsprache:
Erde, Metall, Blattwerk und Tier.
Es wirkt beinahe wie eine Landschaft, die in Heraldik übersetzt wurde.
Das grün-braune Feld erinnert an Erde und Wald. Das silbrig-weiße Einhorn bildet dazu einen starken Kontrast, während die warmen Rot- und Orangetöne der Helmdecke an Herbstlaub, Feuer und gealtertes Pigment erinnern.
Der Helm und die Helmdecke
Über dem Schild sitzt ein Helm, aus dem das Einhorn als Helmzier hervorwächst.
Um ihn herum liegt eine kunstvolle Helmdecke in Rot-, Rost-, Ocker- und Grüntönen.
Die Helmdecke hatte ursprünglich einen praktischen Bezug zur mittelalterlichen Rüstung und stellte ein am Helm befestigtes Tuch dar. Mit der Zeit wurde sie zu einem der dekorativsten Elemente der heraldischen Kunst.
Hier wirkt sie beinahe botanisch.
Die Blätter winden sich vom Zentrum nach außen wie Äste und lassen die strenge Geometrie des Schildes wesentlich organischer erscheinen.
Ein Familiensymbol wird zum Objekt
Was mich am meisten interessiert, ist nicht die Frage, ob jedem einzelnen Element eine eindeutige Bedeutung zugeordnet werden kann.
Es ist vielmehr die Tatsache, dass dieses Bild verschiedene Zeiten, Orte und Generationen der Familie überdauert hat.

Die Vorarlberger Landesarchive bewahren eine Sammlung historischer Familienwappen aus der Gunz-Sammlung, darunter Fröwis / Frewiss / Fröis / Freuwiss, und verwahren außerdem eine historische Landammänner-Wappentafel des Bregenzerwaldes. Letztere dokumentiert die Tradition der Landammänner von 1400 bis 1773, wobei Fröis/Fröwis bereits auf der ersten Seite vertreten ist.
Das Wappen ist also mehr als eine dekorative Darstellung in einem alten Familienbuch.
Es ist zu einer materiellen Spur eines Ortes, eines Namens und einer Familienlinie geworden.
Und genau hier beginnt mein eigenes Interesse.
Statt das Wappen lediglich zu reproduzieren, möchte ich verstehen, wie sich ein solches Bild verändert, wenn es von einer Generation an die nächste weitergegeben wird – wie Symbole erinnert, neu gezeichnet, vereinfacht, ausgeschmückt und schließlich von Menschen interpretiert werden, die vielleicht selbst nicht mehr genau wissen, wo ihre Ursprünge liegen.
Für mich wird das Wappen zu einer anderen Art von Field Note:
ein kleines Bild, das Jahrhunderte an Informationen in sich trägt.
Quellen / weiterführende Recherche
Die historische Grundlage dieser Untersuchung bilden vor allem das Vorarlberger Landesarchiv sowie die Tiroler Landesmuseen / Fischnaler Wappenkartei. Das Vorarlberger Landesarchiv führt in seiner Sammlung ausdrücklich die Familienwappen Fröwis / Frewiss / Fröis / Freuwiss und verweist die historische Landammänner-Wappentafel des Bregenzerwaldes als eine wichtige Quelle.
Die Fischnaler Wappenkartei ist die digital zugängliche Datenbank des heraldischen Zettelkatalogs der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum und umfasst rund 30.000 Karteikarten.

